startseite
|
ihre ihk
|
über uns
|
impressum
|
Suche
|
Service
  • Registrieren
  • Passwort vergessen?
  • Experimente
    • Experimente finden
    • Experimente publizieren
    • ExperiMINTieren
    • Junge Forscher
    • tecnopedia-Forum
  • Lehrmaterialien
  • Unternehmer
    • Mit Schulen kooperieren
    • Unternehmen machen Schule
    • Technik macht Karriere
    • Technik hat Gesichter
  • MINT-Angebote
    • Veranstaltungen finden
    • Veranstaltungen anbieten
    • MINT machen
    • MINT fördern
  • Lehrmaterial finden
  • Lehrmaterial publizieren
  • MINT vermitteln
  • Technik hat Witz
  • tecnopedia Special
Energie-Special
Gesundheits-Special
Darwin-Special
Astronomie-Special
Geschichte der Astronomie
Teleskope
Sternphysik
Das Sonnensystem
astronomische Dimensionen
Astronomie am PC
Bücher
Leben im All
Papierflieger-Special
Brückenbau-Special

VON ULF VON RAUCHHAUPT

Schluckschweine im Weltall

www.pixelio.de / vinat "Der Blick", SueShi "Pickel", El-Fausto "Mikrokosmos"

Planeten gibt es ohne Ende. Auf manchen ist vielleicht sogar Leben möglich. Wie das aussehen könnte, beschäftigt nicht nur Science-fiction-Autoren. Einer der interessantesten Spezialisierungen von Biologen ist die Exobiologie. Ihr Thema: mögliches Leben und seine Evolution in fremden Welten.

Der Mudpod (zu deutsch etwa "Schlammbohrer") ist ein possierliches Tierchen. Er nagt an Stämmen, baut Dämme und haust gesellig in unterirdischen Bauten. Außerdem hat er sechs Beine. "Mudpods schieben Erdreich umher", erklärt Jim Usherwood mit mindestens soviel Ernst wie Begeisterung, "und sechsbeinige Tiere können beim Schieben vier Gliedmaßen am Boden lassen, schieben also viel effektiver als vierbeinige."

Der junge Biomechaniker vom Royal Vetinary College in London muss es wissen, schließlich hat er den Mudpod miterschaffen. Usherwood ist Mitglied einer Gruppe von Forschern, die darüber nachgedacht haben, welche Wege die Evolution auf fremden Planeten nehmen könnte - und durfte dabei einmal gehörig herumspinnen.

Nicht, dass Wissenschaftler das nicht auch sonst tun. Spekulieren, sich vorstellen, was nach Maßgabe der bekannten Naturgesetze möglich wäre, ist Teil ihres Jobs. Usherwood und Kollegen durften ihre Phantastereien bis ins Detail ausarbeiten und ersannen dabei ganze außerirdische Ökosysteme. Allerdings setzten sie auf den fremden Himmelskörpern erdähnliche Verhältnisse voraus.

"Erdähnlich" heißt: Diese Welten kreisen in einer Entfernung von ihrem „Mutterstern“, die auf ihrer Oberfläche die Existenz flüssigen Wassers erlaubt. Dies ist vielleicht nicht die einzige, aber sicher die wichtigste Voraussetzung für Leben auf der Basis der Kohlenstoffchemie. Auch wenn es die Fans forschungsferner Science-fiction zuweilen bezweifeln: Eine andere Basis kann es nicht geben. "Das ist kein Mangel an Vorstellungskraft" sagt Seth Shostak vom Seti-Institute in Kalifornien, "das ist eine Anwendung der physikalischen und chemischen Gesetze, die wir kennen, auf Welten, die wir nicht kennen."

Für die Phantasie bleibt genügend Raum. Vor allem wenn man die Extreme dessen betrachtet, was "erdähnlich" heißen kann. Die mögliche Heimat des Mudpods etwa ist ein Planet um einen M-Zwergstern. Zu diesem Sterntyp, der kleiner und viel dunkler ist als unsere Sonne, gehören drei Viertel aller Sterne in der Milchstraße. Es gibt keinen Grund, warum sie nicht Planeten in lebensfreundlicher Entfernung beherbergen sollten. Allerdings wären die dem Stern dann so nahe, dass sie ihm - wie der Mond der Erde - stets dieselbe Seite zuwenden würden. Auf der sternzugewandten Seite eines solchen Planeten ginge die Sonne also nie unter, auf der anderen herrschte ewige Nacht. Bis vor einigen Jahren galt als ausgeschlossen, dass solche Planeten lebensfreundlich sind. Man glaubte, dass die Atmosphäre auf der Nachtseite so kalt sei, dass die Existenz flüssigen Wassers auch auf der Tagseite unmöglich würde.

Doch in den letzten Jahren zeigten detailliertere Rechnungen ein anderes Bild: Sofern der Planet geologisch aktiv ist und seine Luft genügend Treibhausgase enthält, kollabiert die Atmosphäre nicht. Die Nachtseite ist zwar von ewigem Eis bedeckt, und auf der Tagseite tobt dort, wo der Stern im Zenit steht, ein ewiger Wirbelsturm. Dazwischen aber muss es recht lauschig sein - und wenn Leben überall entsteht, wo es möglich ist, könnte sich dort tatsächlich so etwas wie der Mudpod entwickeln.

Auf dem Londoner M-Zwerg-Modellplaneten - seine Schöpfer nannten ihn "Aurelia" - lebt der Mudpod in enger ökologischer Beziehung mit anderen Lebewesen, etwa den baumartigen, zehn Meter hohen "Stinger fans" ("Stachelfächer"). "Sie leben vom Licht", erklärt Usherwood, "doch wenn etwas ihnen das Licht blockiert, dann wachsen sie nicht wie unsere Bäume daran vorbei, sondern kriechen etwas zur Seite." So verhalten sich auch manche ihrem Äußeren nach pflanzenförmige Meeresbewohner auf der Erde, etwa die Seelilien. Bei diesen hat sich jetzt herausgestellt, dass sie sich ebenfalls langsam über den Meeresboden bewegen können, um räuberischen Seeigeln zu entgehen.

Überhaupt vermuten die Forscher hinter den oberflächlichen Fremdartigkeiten außerirdischer Biosphären viel, das uns von der Erde vertraut ist. So nehmen die Mudpods, ebenso wie die "Gulphogs" ("Schluckschweine") genannten Raubtiere, die ihnen nachstellen, ihre Umwelt vor allem durch ein Paar Augen wahr. "Augen haben sich auf der Erde mindestens siebenmal unabhängig voneinander entwickelt" sagt Simon Conway Morris von der Cambridge University, "und ich wäre doch äußerst erstaunt, wenn sie sich auf Aurelia nicht entwickeln würden." Diesem Phänomen der "konvergenten Evolution" verdankt auch der Gulphog seine Ähnlichkeit mit einem großen Laufvogel oder einem räuberischen Dinosaurier. "Sein langer Hals erlaubt es ihm, die Augen mit nur einem Teil seines Körpers zu bewegen", erklärt Jim Usherwood. "Ein großer Magen hingegen ist nahe am Schwerpunkt am besten aufgehoben, in der Nähe der Beine. Die wiederum sollten bei Tieren, die sich schnell bewegen, lang und leicht sein."

Wenn hier jemand phantasielos ist, dann ist es die Natur selbst. "Wie viele Möglichkeiten gibt es, zu laufen, wie viele, zu schwimmen? Überraschend wenige", sagt Conway Morris. "Das ist der Grund, warum die Tiere auf unserem Planeten immer wieder auf dieselben Lösungen verfielen. Und wenn es hier so ist, dann auch anderswo."

Für krasse Abweichungen vom Bekannten muss man sich schon extremere Formen der "Erdähnlichkeit" ausdenken. So wie auf dem "blauen Mond", der anderen Modellwelt, welche die Londoner Forscher mit möglichen Lebewesen bevölkert haben. Der blaue Mond dreht sich einmal in zehn Tagen um einen saturnähnlichen Gasplaneten und hat eine Atmosphäre, deren Druck dreimal so hoch ist wie auf der Erde und die wesentlich mehr Sauerstoff und Kohlendioxyd enthält.

Letzteres sorgt für tropische Temperaturen. Der viele Sauerstoff und der hohe Druck haben dagegen andere Folgen. "Hier gibt es wundervolle Möglichkeiten zum Fliegen", schwärmt Robert McNeill Alexander, Zoologieprofessor an der Universität Leeds. "In der schweren, dichten Luft können auch große Tiere fliegen, erstaunlich große Tiere."

So könnten walartige Wesen hier durchaus die Ozeane verlassen und die Lüfte erobert haben. Für den "blauen Mond" entwarfen die Forscher Luftwale mit zehn Metern Flügelspannweite, die etwa soviel wiegen wie ein Rhinozeros, also zehnmal mehr als der Flugsaurier Quetzalcoatlus aus dem Erdmittelalter, das größte Tier, das je den irdischen Luftraum unsicher gemacht hat. Ernährten sich die Meeresvorfahren der Luftwale nach Art irdischer Wale von Plankton - ab einer gewissen Größe eine sehr sinnvolle Ernährungsweise -, so mussten sie sich hier beim Schritt vom Wasser in die Luft nicht umstellen. Denn die „dicke“ Luft vermag einzellige Algen sowie allerlei Samen und Sporen der üppigen Vegetation in der Schwebe zu halten.

Auch anderes, auf den ersten Blick Seltsames wäre hier vorstellbar: etwa Ballonpflanzen, die von wasserstoffgefüllten Blasen emporgehalten werden und die bei den - angesichts des hohen Luftsauerstoffpegels - häufigen Waldbränden wie Bomben explodieren und dabei ihre Samen verteilen.

Die unausweichliche, aber unbeantwortbare Frage ist, wie wahrscheinlich sich das Leben auf einer solchen Welt zu Intelligenz aufschwingen könnte. Allem Anschein nach entstand die menschliche Intelligenz auf der Erde im Umfeld eines komplexen Sozialgefüges. Doch ist unser Riesenhirn eine einfache Folge hoher sozialer Organisation?

Das komplexeste Sozialgefüge auf der Modellwelt des "blauen Mondes" haben die Forscher nach dem Vorbild sozialer Insekten entworfen: Die "Stalker", adlergroße Flugwesen, die von der gemeinschaftlichen Jagd auf Luftwale leben, haben wie Ameisen oder Bienen eine Königin sowie Kasten von Arbeiter- oder Kundschaftertieren. "Jedes dieser Tiere hat nur ein kleines Gehirn" sagt Nigel R. Franks von der University of Bristol, "daher lösen die Stalker Probleme nicht dadurch, dass sie darüber nachdenken, sondern indem viele Individuen alles Mögliche ausprobieren. Auf anderen Planeten haben sich die dominanten Organismen vielleicht ausschließlich in diese Richtung entwickelt - und damit die Entwicklung einer eher individualistischen Form der Intelligenz gerade unterdrückt."

Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
Zur Verfügung gestellt von www.faz-archiv.de.

[> Zum Original-Artikel in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung" ]
_Seitenfunktionen
Seite drucken
Impressum - Copyright - Nutzungsbedingungen - Datensicherheit - Kontakt